Schmerzen müssen aber nicht ertragen werden. Bei Tumorpatienten werden sie auf zwei Ebenen behandelt: Durch die Bekämpfung des schmerzauslösenden Tumors selbst und im Rahmen einer so genannten Schmerztherapie.
Krebspatienten fürchten den Schmerz nicht nur, weil „es weh tut“, sondern weil sie Angst davor haben, dass der Schmerz das Fortschreiten der Tumorerkrankung signalisiert. Allein aus diesem Grund ist es wichtig, die Ursache des Schmerzes möglichst genau zu bestimmen.
Schmerzen durch den Tumor
Der Tumor selbst kann durch seine Ausdehnung oder durch die Bildung von Tochtergeschwülsten Schmerzen verursachen. Ein typisches Beispiel ist der Knochenschmerz: Krebszellen können den Knochen regelrecht abbauen; dadurch werden chemische Signalstoffe frei, die sich an spezielle Schmerzfühler binden und über Nervenbahnen die Information „Schmerz“ an das Gehirn melden. Solche somatischen Schmerzen sind meist bohrend, schneidend oder stechend. Betroffene können genau beschreiben, wo es weh tut.
Der Tumor oder seine Tochtergeschwülste können aber auch direkt einen Nerven schädigen, sozusagen ohne Umweg über die Schmerzfühler. Dieser Nervenschmerz oder fachsprachlich neuropathische Schmerz fühlt sich häufig brennend oder kribbelnd an, er kann auch plötzlich einschießend auftreten.
Von Eingeweideschmerz oder viszeralem Schmerz spricht man unter anderem, wenn Krebszellen in Organen wie Leber oder Niere wachsen, und dort durch ihre Größenzunahme das Organ stark dehnen. Der Eingeweideschmerz fühlt sich dumpf an, und der Schmerzort ist nicht exakt beschreibbar. Auch die kolikartigen Schmerzen, die bei einer Verlegung der Darmwege auftreten (Prae-Ileus) gehören in diese Kategorie.
Schmerzen durch die Therapie
Unmittelbar nach einer Chemotherapie, manchmal aber auch erst Wochen oder Monate später kann es zu Kribbeln oder Brennen in Händen und Füßen kommen. Meist werden die Beschwerden als nicht so schwerwiegend empfunden; dennoch sollten Sie uns auch über solche Schmerzen immer informieren.
Ähnliche Schmerzen treten selten auch längere Zeit nach einer Strahlentherapie oder sogar nach einer Operation auf. Dahinter stecken häufig Nervenschädigungen, die sich trotz aller Sorgfalt bei der Behandlung nicht vermeiden ließen.
Wege aus dem Teufelskreis
Manchmal können Schmerzen sich wie in einem Teufelskreis selbst verstärken: Schmerzen lösen gerade bei Krebspatienten häufig Angst aus; wer Angst hat, ist angespannt. Anspannung verursacht mehr Schmerz, der wiederum die Angst vergrößert.
Einen Ausweg bietet nur die professionell durchgeführte Schmerztherapie. Unsinnig ist es dagegen, die Schmerzen einfach zu ertragen, denn die Nicht-Behandlung verschlimmert die Situation. Zur Schmerztherapie gehören zunächst immer Maßnahmen zur Verkleinerung des Tumors, also Operation, Chemo- und Strahlentherapie. Wenn im Verlauf oder nach dieser Therapie immer noch unerträgliche Schmerzen bestehen, dann ist es sinnvoll, diese Schmerzen wie eine eigene Krankheit zu behandeln.
Individuelle Schmerztherapie
Das Schmerzempfinden ist etwas sehr Individuelles. Deshalb muss auch die Schmerztherapie auf jeden einzelnen Patienten zugeschnitten sein. Eine erfolgreiche Schmerzbehandlung gelingt bei mehr als 95 Prozent aller Krebspatienten. Allerdings muss man ehrlich sagen, dass nicht alle diese Patienten komplett schmerzfrei werden. Es gelingt aber, die Schmerzintensität auf ein für den Patienten akzeptables Niveau abzusenken.
Neben der medikamentösen Therapie steht eine Reihe von anderen Verfahren zur Verfügung, darunter die Bestrahlung, die Blockade von Nerven, physikalische Maßnahmen wie Massagen und Krankengymnastik, die Nervenstimulation, die Akupunktur, psychologische Verfahren und nicht zuletzt die mäßige, aber regelmäßige körperliche Aktivität.
Medikamentöse Schmerztherapie
Zwei große Gruppen von Schmerzmedikamenten stehen für die Behandlung zur Verfügung: Die „leichteren“ Schmerzmittel wirken in der Regel am Ort der Schmerzentstehung. Zu dieser Gruppe gehören Präparate wie die Acetylsalicylsäure (ASS), das Diclofenac oder das Paracetamol.
Bei Krebspatienten werden sie in der Regel gegen Schmerzen in Haut, Muskeln, Knochen und Gelenken oder gegen krampfartige Schmerzen in den Eingeweiden eingesetzt.
Ein Teil dieser Präparate kann zu Beschwerden im Magen-Darm-Trakt führen. Wenn sie – wie bei Krebspatienten nicht selten – über längere Zeit eingenommen werden müssen, empfiehlt sich die Einnahme eines Magenschleimhaut-schützenden Präparates.
Opioide
Die zweite große Gruppe von Schmerzmedikamenten wirkt nicht am Ort der Schmerzentstehung, sondern beeinflusst die Schmerzweiterleitung und –verarbeitung im Rückenmark und im Gehirn. Der bekannteste Wirkstoff dieser Gruppe ist das Morphin. Es handelt sich dabei um einen Bestandteil des Opiums, das seinerseits aus dem getrockneten Milchsaft unreifer Schlafmohnkapseln hergestellt wird. Wegen der Verwandtschaft mit dem Opium wird diese zweite Medikamentengruppe auch als Opioide bezeichnet.
Opioide werden je nach schmerzlindernder Wirkung als schwach oder stark bezeichnet. Morphin gilt als starkes Opioid. Tramadol, Tilidin oder Codein besitzen lediglich ein Zehntel der Morphin-Wirkstärke und zählen deshalb zu den schwach wirksamen Opioiden.
Wohlgemerkt: Auch schwache Opioide sind sehr potente Schmerzmittel. Nur im direkten Vergleich mit Morphin sind sie etwa zehn Mal schwächer.
Das Stufenschema der WHO
Zur Behandlung von Schmerzen stehen alle drei Gruppen von Medikamenten zur Verfügung: Die Nicht-Opioide wie ASS sowie die schwachen und die starken Opioide.
Zur Schmerzbehandlung von Tumorpatienten hat sich das Stufenschema der Weltgesundheitsorganisation (WHO) etabliert. Auf der ersten Stufe stehen die Nicht-Opioide, auf der zweiten die schwachen und auf der dritten Stufe die starken Opioide.
Jede medikamentöse Schmerztherapie beginnt mit Präparaten der ersten Stufe. Lässt sich damit kein befriedigendes Behandlungsergebnis erzielen, können zusätzlich Präparate der zweiten Stufe eingesetzt werden. Lässt sich auch damit der Schmerz nicht auf ein erträgliches Niveau absenken, kann der Einsatz starker anstelle schwacher Opioide sinnvoll sein.
Medikamente regelmäßig einnehmen!
Neben diesen Schmerzmitteln im engeren Sinne setzen wir auch andere Medikamente zur Schmerzbekämpfung ein: Bestimmte Antidepressiva können ebenso wie manche krampflösende Mittel die Schmerzempfindung dämpfen, Kortison hat eine zuverlässige entzündungshemmende und abschwellende Wirkung, und Bisphosphonate bekämpfen Knochenschmerzen durch Hemmung des Knochenabbaus.
Gleichgültig, welche Arzneimittel zur Schmerzbekämpfung im Einzelfall verordnet werden: Wichtig ist immer die regelmäßige Einnahme der Präparate. Die Wirkdauer der Medikamente schwankt von Patient zu Patient. Es macht daher Sinn, zunächst auszutesten, wielange eine bestimmte Arznei den Schmerz ausschaltet. Danach wird ärztlicherseits festgelegt, in welchen Zeitabständen Sie das Präparat einnehmen müssen, um sicherzustellen, dass Sie möglichst dauerhaft schmerzfrei sind.
Wer als Patient mit Dauerschmerzen seine Medikamente nicht regelmäßig einnimmt, sondern jedes Mal wartet bis der Schmerz durchbricht, der riskiert eine Verschlimmerung seines Zustandes. Denn durch die immer wiederkehrenden Schmerzen „trainiert“ der Organismus die Übertragung von Schmerzsignalen, es bildet sich ein „Schmerzgedächtnis“ aus, die Schmerzattacken verschlimmern sich.
Selbst aktiv werden
Eine Schmerztherapie stützt sich in den seltensten Fällen allein auf Medikamente. Wenn die Schmerzen erträglich geworden oder sogar ganz verschwunden sind, empfehlen sich häufig Maßnahmen wie Massagen, Bäder oder Krankengymnastik. Dadurch können beispielsweise schmerzverursachende Fehlhaltungen korrigiert werden. Zusätzlich hat die körperliche Aktivität eine ausgleichende Wirkung, die stress- und schmerzreduzierend wirkt.